Identitäre, NS-Hardcore-Szene und AfD in Magdeburg
Versteckspiel mit schlechter Tarnung

Alexander Kleine (links) und Patrick Bass (rechts) im Probenraum der Magdeburger Rechtsrockszene
  • Identitärer Rapper Komplott nutzt Proberaum von Magdeburger Rechtsrockbands
  • Magdeburger Rechtsrock-Musiker als Mitglieder der Identitären Bewegung
  • AfD-Abgeordnete gründeten mit Rechtsrockmusikern und Neonazis eine Burschenschaft

Nachdem im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass der Identitäre-Rapper Komplott nicht aus Halle kommt und sich hinter diesem Namen der Neonazi Patrick Bass aus Heidelberg verbirgt, wurde es scheinbar kurz ruhig um den von IB-Faschisten gefeierten Künstler des „identitären Rap“. Nach der Veröffentlichung verließ Bass Berichten zufolge fluchtartig seine Wohnung und löschte verschiedene Accounts in sozialen Medien. Einige Monate später war Komplott wieder bei Instagram und Facebook aktiv. Am 22. Oktober 2017 veröffentlichte der Leipziger Identitäre Alexander „Malenki“ Kleine ein Video mit dem Rapper auf seinem Youtube-Kanal. Zu Beginn, um das folgende Interview anzukündigen, steht Kleine mit seinem Hund auf einem Hinterhof und gibt an „tief irgendwo in Dunkeldeutschland“ zu sein. Im Hintergrund ist die alte Diamantbrauerei in Magdeburg zu erkennen. Wenig später sind Kleine und Bass in einem Bandproberaum zu sehen. Es handelt sich um den Proberaum der Rechtsrockbands Mortuary, Painful Life und Agharta.

Alexander Kleine auf dem Gelände der alten Diamantbrauerei

Rechtsrockszene in Magdeburg und Umgebung

Nach der Jahrtausendwende entwickelte sich eine gut vernetzte Neonaziszene in Magdeburg und Umgebung. Die Kameradschaft Festungsstadt um Sascha Braumann, Andreas Biere und den späteren Bundesvorsitzenden der Jungen Nationaldemokraten (JN) Andy Knape ging in die JN Magdeburg über und die Initiative gegen das Vergessen organisierte über viele Jahre einen jährlichen Großaufmarsch anlässlich der Bombardierung Magdeburgs. Parallel legte ein großer Teil der Neonazis den alten Skinhead-Look ab und versuchte durch den Kleidungsstil anderer Jugendkulturen weniger aufzufallen und attraktiver für viele junge Menschen zu werden. Dies führte teilweise sogar bis zum Auftreten als sogenannte Autonome Nationalisten. Eng verbunden mit dem optischen Wandel der Faschisten war auch die Öffnung hin zu weiteren Musikstilen als nur der Skinheadmusik. Besonders attraktiv schienen Hardcore und Metal. Es entwickelte sich eine vielfältige Rechtsrockszene in und um Magdeburg.

Mit Systems Coffin, Civil Disorder, Painful Life, 2 Minutes Warning, Mortuary, Daily Broken Dream und Agharta hat und hatte die Neonaziszene in der Region viele Rechtsrockbands zu bieten. Durch die internationale Vernetzung der neonazistischen Musikszene sorgten, neben den teilweise englischsprachigen Texten, auch Konzerte in anderen Ländern dafür, dass die Musik der Magdeburger NS-Hardcorebands weit über Deutschland hinaus gehört wurde. Teilweise bestehen auch, wie bei Civil Disorder, Verbindungen in internationale Neonazinetzwerke wie die Hammerskins1.
Natürlich spielte der regionale Bezug weiterhin eine wichtige Rolle, der Naziaufmarsch anlässlich der Bombardierung Magdeburgs war immer ein Bezugspunkt. Mit Sascha Braumann, damals Bassist bei Systems Coffin, verfügte auch ein Mitglied der Initiative gegen das Vergessen, die den Aufmarsch veranstaltete, über Kontakte zum verbotenen Blood-and-Honour-Netzwerk 2.

Grundlagen durch „Daily Broken Dream“ früh gelegt

Andy Knape (ganz links), Mirko Schmädicke (in weiß) und der heutige IB-Kader Torsten Goerke (in grau) bei einem Konzert mit Daily Broken Dream und Fear Rains Down in Magdeburg in den 2000er Jahren

Eine der dienstältesten NS-Hardcore-Bands ist Daily Broken Dream. Die Gruppe wurde schon 1998 als „Race Riot“ von Christoph Heyer und Gerolf Schlüter gegründet. Die Veröffentlichungen der Band wurden ab 2005 von Heyer selbständig unter dem Label „Until The End Records“ herausgebracht. Mehrmals änderte sich die Besetzung von „Race Riot“, die Gründungsmitglieder Heyer und Schlüter blieben dabei. Nur wenige Jahre später änderte die Gruppe ihren Namen in „Daily Broken Dream“. Die faschistischen Botschaften in den Texten sind subtiler gehalten, passend dazu wurde auch der Bandnamen angepasst. Zurückblickend betrachtet war der Grundstein für weitere NS-Hardcore-Bands gelegt. Im Jahr 2008 erschien auf Heyers Label der Sampler Hardcore Until The End. Darauf vertreten waren beispielsweise Path of Resistance aus Rostock und Fear Rains Down, ein Bandprojekt unterschiedlicher Rechtsrockgruppen aus verschiedenen Ländern, bei dem Heyer selbst als Sänger aktiv war. Außerdem steuerten die Magdeburger NS-Hardcore-Bands 2 Minutes Warning und Painful Life Lieder dazu bei.

„Painful Life“: Wenige Veröffentlichungen, viele Nebenprojekte

Painful Life auf dem Gelände der alten Diamantbrauerei. v.l.n.r.: Florian Lenz, Roman Dänner, Kevin Thielecke, Mirko Schmädicke, Stefan Wedekind | Foto: Painful Life / fb

Painful Life waren bis dahin nur live zu hören gewesen, durch die Sampler-Beiträge wurden sie einem größeren Kreis von Neonazis bekannt. Bei der Musik handelt es sich um eine Mischung aus Hardcore, Metal und Grindcore, bei der die Texte praktisch nicht zu verstehen sind. Eine Split-CD mit Mortuary blieb bisher die einzige eigene Veröffentlichung. Bei der Band wurden, wie bei Rechtsrockgruppen üblich, immer wieder Musiker ausgetauscht. Da es nur wenige Faschisten mit ausreichenden musikalischen Fähigkeiten gibt, sind Mitglieder von Rechtsrockbands oft auch in mehreren Projekten gleichzeitig aktiv. Die letzte Veröffentlichung von Painful Life ist das Lied „Our War Awaits You“, das exklusiv für den „Punikoff-Sampler“ – eine Kompilation des Rechtsrock-Blogs Punikoff, die im September 2017 erschien – aufgenommen wurde. Die aktuelle Besetzung bilden Stefan Wedekind als Sänger, Mirko Schmädicke an der Gitarre, Kevin Thielecke als weiterer Gitarrist, Florian Lenz am Bass und Roman Dänner als Schlagzeuger3. Alle Mitglieder waren oder sind in anderen Rechtsrockkapellen aktiv. Stefan Wedekind war mindestens zeitweise auch Mitglied bei Burning Hate. Der in Angern lebende Mirko Schmädicke spielte auch bei 2 Minutes Warning mit, ebenso Kevin Thielecke. Roman Dänner, der im oberfränkischen Hochstadt am Main lebt, betätigt sich auch noch bei den Bands Burning Hate und Eternal Bleeding und war bei Civil Disorder aktiv. Florian Lenz war auch bei 2 Minutes Warning mit von der Partie, außerdem ist er Gitarrist bei Agharta.

Mit viel Geschreie gegen „das Aussterben“

Mortuary beim „Thüringentag der nationalen Jugend“ 2016 in Sömmerda. Links: Sänger Benjamin Siegl, rechts: Schlagzeuger Tim Schmädicke | Foto: Mediathek Bialek

Nicht nur durch zeitweilige personelle Überschneidungen, gemeinsame Auftritte und Veröffentlichungen sind die befreundeten NS-Hardcore-Bands Painful Life und Mortuary eng miteinander verwoben. Der Schlagzeuger Tim Schmädicke aus Wolmirstedt ist der fünf Jahre jüngere Bruder von Mirko Schmädicke. Der Bandname Mortuary bedeutet übersetzt Leichenhaus. In einem Interview äußert die Band: „Wir wählten gezielt diesen Namen aus ,um auf das Sterben unseres Volkes aufmerksam zu machen.“ Ähnlich morbide klingt für das ungeübte Ohr auch die Musik der Gruppe, die sich mit viel Grescheie irgendwo zwischen Metal und Grindcore bewegt. Wie wichtig die Bombardierung Magdeburgs im zweiten Weltkrieg durch alliierte Bomber als Bezugspunkt für die regionale Neonaziszene war und ist, zeigt das Mortuary Lied „Inferno“, in dem der Sänger Benjamin Siegl aus Haldensleben mit Zeilen wie „Der verfluchte Stern erteilte den Auftrag“ unverhohlen antisemitische Hetze betreibt. Passend dazu nahm Siegl mehrfach am von den Faschisten „Trauermarsch“ genannten Neonaziaufmarsch im Januar in Magdeburg teil. Gitarrist bei Mortuary ist Michel Warnecke aus Loitsche (Börde).

Rechter Rock für den sanften Neonazi

Die Magdeburger Rechtsrockgruppe  Agharta wurde im Jahr 2009 gegründet. Bisher veröffentlichten sie neben einer Demo-CD drei Alben. Während die anderen genannten Bands musikalisch am ehesten im Bereich Hardcore oder Metal zu verorten sind, macht Agharta Rechtsrock im echten Wortsinn. Auch das Auftreten der Mitglieder ist weniger stark subkulturell geprägt und anschlussfähig für die Skate- und BMX-Szene. Die Texte der rechten Rockgruppe sind eher subtil gehalten, die Veröffentlichung der CDs bei OPOS Records unterstreicht jedoch die Zugehörigkeit zur Neonaziszene. Gründungsmitglied ist neben dem Gitarristen Florian Lenz auch der Sänger David Steingrüber – beide sind heute bei der Identitären Bewegung Magdeburg aktiv. Letzterer ist mit dem Gestaltungsprojekt AD Versus Media tätig4, das Artwork, Videogestaltung und Werbegrafiken für Rechtsrockgruppen anbietet5 . Entsprechend veröffentlichte die Gruppe auch mehrere Musikvideos. So konnte sich Agharta relativ unbehelligt, auch durch die Unterstützung des ehemaligen JN-Bundesvorsitzenden Andy Knape, ein gewisses Publikum innerhalb der Neonaziszene erspielen. Höhepunkte waren da etwa Auftritte im Haus Montag in Pirna und auf dem JN-Europakonkress 2015 in Riesa.

Alte Diamantbrauerei

Der Gebäudekomplex auf dem Grundstück der Lübecker Straße 127/128 im Stadtteil Neue Neustadt steht seit 1994 zum großen Teil leer. Bis zum Ende der DDR wurde hier von der VEB Diamant-Brauerei und danach von Brau und Brunnen Bier gebraut. Seit ungefähr zehn Jahren wird dort im kleinen Rahmen wieder Bier unter dem Namen Diamant hergestellt.
Seit einigen Jahren haben die Faschisten der Rechtsrockgruppe Agharta gemeinsam mit weiteren Musikern, etwa von Painful Life und Mortuary,  im Gebäude einen Proberaum und Studio. Mehrfach nutzte die Band das angeschlossene Gelände, um dort mit weiteren Personen zu feiern. So verhinderte die Polizei etwa am 14. Juni 2014 ein Agharta-Konzert auf dem Gelände6. Abgesehen davon konnten die Bands dort bisher weitestgehend unbehelligt proben und ihre Veranstaltungen durchführen. Nach mehreren Rechtsrock-Veranstaltungen auf dem Gelände, bei denen teilweise sogar das dort produzierte „Diamant“-Bier angeboten wurde, kann ausgeschlossen werden, dass der Eigentümer nichts vom rechten Treiben weiß.

Rechtsrock und Neonazikampfsport

Stefan Wedekind (rechts) beim „Kampf der Nibelungen“

In der NS-Hardcore-Szene spielt auch der Elite-Gedanke eine nicht unwesentliche Rolle. Manche dem Straight-Edge-Lebensstil folgenden Faschisten lehnen den auch bei Konzerten oft ins Maßlose ausufernden Alkoholkonsum ihrer Kameraden ab. Der Verzicht auf Drogen jedlicher Art wird aber nicht nur als persönliche Entscheidung gesehen, sondern als Teil eines Lebensstils im Sinne des Volksgesundheitsgedankens und der Wehrkräftigkeit. Damit verbunden ist auch die körperliche Betätigung im Bereich des Kraft- und Kampfsports. So wundert es nicht, dass Painful Life um ihren Straight-Edge-lebenden Sänger Stefan Wedekind in die neonazistische Kampfsportszene vernetzt ist. Dieser ist auch Teil der NS-Straight-Edge-Gruppierung Wardon 21, aus deren Umfeld für Juni 2018 ein Kampfsport-Event namens Tiwaz7​​​​​​​ in Sachsen angekündigt wird8. Musik und Kampfsport sind als wichtiger Bestandteil der Lebenswelt erlebnisorientierter Faschisten nicht zu unterschätzen. Im April 2018 will die neonazistische Kampfsportszene beim Schild und Schwert-Festival in Sachsen eine Ausgabe des Kampf der Nibelungen für die Rechtsrockszene auf die Beine stellen 9, auf deren Publikum sie sonst eher abschätzig herabblickte.

Stefan Wedekind beim Neonaziaufmarsch am 16. Januar 2015 in Magdeburg | Foto: Presseservice Rathenow

IB und Neonazi(musik)szene

Während vor allem führende Kader der Identitären Bewegung bevorzugt das Genre des Neofolk als „identitäre Musik“ bewerben10, erscheint dieses doch für eine selbsternannte Jugendbewegung nicht anschlussfähig genug. In Ermangelung eigener Künstler, mit Ausnahme von Komplott, und zumindest äußerlicher Abgrenzung von der klassischen Rechtsrockszene wird so häufig auf Interpreten aus dem Ausland zurückgegriffen. Großer Beliebtheit erfreuen sich dabei unter anderem die eng mit den italienischen Neofaschisten von Casa Pound verbundenen Bands Bronson und ZetaZeroAlfa.

Eine Zusammenarbeit zwischen Rechtsrockszene, Kampfsportmileu und der Identitären Bewegung wurde allerdings anhand der ersten Ausgabe des IB-nahen Magazins Arcadi deutlich. Dort finden sich etwa Werbeanzeigen des neonazistischen Modelabels Greifvogel Wear von Sebastian Raack und des Sonnenkreuz-Versand von Frank Krämer. Raack ist außerdem Betreiber von OPOS Records und regelmäßiger Sponsor des Kampf der Nibelungen11, Krämer Gitarrist der Rechtsrockband Stahlgewitter und Frontmann der Neofolk-Gruppe Halgadom. Autor des Arcadi-Magazins ist auch der Magdeburger Identitäre und Funktionär der Jungen Aternative (JA) Luca Hart.

Dennis Stöber (markiert) am 11. Juli 2017 vor dem Hausprojekt der „Kontrakultur Halle“

Auch die identitäre Gruppe Kontrakultur Halle pflegt enge Kontakte zur örtlichen Rechtsrockszene. Bereits an einer der ersten öffentlichen Aktionen der Gruppe im September 2015 in der Hallenser Marktkirche beteiligten sich Dennis und Yvonne Stöber. Beide sind treibende Kräfte hinter den Rechtsrockbands Fight Tonight und Barricades12. Seitdem tauchen die Stöbers immer wieder im Umfeld von Kontrakultur auf, etwa anlässlich einer antifaschistischen Demonstration vor dem neu gegründeten Hausprojekt in der Adam-Kuckhoff-Straße am 11. Juli 2017 und bei einem Konzert der französischen Rock identitaire – Band In Memoriam in Hohenweiden im Saalekreis am 14. Juli 2016.​​​​​​​

Für die rechte Inititiative Ein Prozent für Unser Land, die offiziell als Betreiberin des Hausprojekts der Kontrakultur Halle fungiert, ist mittlerweile offen der aus Wernigerode stammende ehemalige JN-Bundesvorsitzende Michael Schäfer aktiv. Bereits im Jahr 2000 gab es bei Schäfer eine Hausdurchsuchung wegen des Verdachts der Mitgliedschaft im Blood-and-Honour-Netzwerk. Im Rahmen der Kampagne „Werde Betriebsrat“ kooperiert Ein Prozent mit der Kleingewerkschaft Zentrum Automobil unter Daimler-Betriebsrat Oliver Hilburger. Dieser war früher Musiker der Blood-and-Honour nahestenden Band Noie Werte. Zwei Stücke der Gruppe wurden auch im Bekennervideo des NSU verwendet, Hilburger musste deshalb vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg aussagen13.

AfD und IB

Mitglieder der Jungen Alternative und der Identitären Bewegung auf dem Weg zur Gründungsfeier der „Magdeburger Burschenschaft Germania“. v.l.n.r.: David Steingrüber (Agharta / IB MD), Kristoff Daj (JA MD), Jonas Stein (IB MD), Alexander Wagner (JA /IB MD), Felix Schüler (IB MD), Steven Hanczyk (IB MD, AfD Börde), Paul Köhlert (IB MD), Luca Hart (IB / JA MD)

Die engen Überschneidungen zwischen AfD, Identitärer Bewegung und klassischer Neonaziszene zeigten sich insbesondere bei der Gründung der Magdeburger Burschenschaft Germania am 11. März 2017 im Magdeburger Ratskeller. Neben den bekannten Neonazis Stefan Träger, Luca Hart und Steven Hanczyk fanden sich unter den anwesenden Identitären auch Painful Life-Bassist Florian Lenz, Agharta-Sänger David Steingrüber und der langjährige Besucher von Neonaziaufmärschen und Rechtsrockkonzerten Felix Schüler. Als Student der Elektrotechnik gehört Schüler mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zu den fünf beim „Gründungskommers“ neu aufgenommenen Burschenschaftern. Außerdem anwesend waren diverse Abgeordnete und Mitarbeiter der AfD-Landtagsfraktion. Luca Hart ist außerdem Vorsitzender des Gebietsverbands Magdeburg / Börde der Jungen Alternative, Steven Hanczyk Mitglied im AfD-Kreisverband Börde.

Felix Schüler beim „Rock gegen Überfremdung II“ 2017 in Themar | Foto: Lukas Beyer

Stefan Träger (am Transparent) und Felix Schüler (rechts daneben) bei der Neonazi-Demonstration „Arbeiter im Kampf um die Freiheit“ am 19. Juni 2010 in Merseburg | Foto: Infothek Dessau

Bereits ein Foto von der Neonazi-Demonstration Arbeiter im Kampf um die Freiheit am 19. Juni 2010 in Merseburg zeigt Felix Schüler im direkten Umfeld des damaligen JN-Aktivisten Stefan Träger14. Am 15. Juli 2017, also nach Gründung der Burschenschaft Germania, besuchte Schüler dann gemeinsam mit anderen Magdeburger Neonazis das Rechtsrock-Festival Rock gegen Überfremdung II im thüringischen Themar. Auf der Bühne standen unter anderem Stahlgewitter und Sleipnir. Zu Schülers Freundeskreis gehört auch der als „Schläger von Pömmelte“ bundesweit bekanntgewordene Francesco Lenz, der u.a. 2006 einen 12-jährigen Schwarzen schwer misshandelte und im Jahr 2013 gemeinsam mit seinen Kameraden einen türkischen Imbissbetreiber fast totprügelte15. Ein Video von einer verhinderten Veranstaltung der AfD-nahen Hochschulgruppe Campus-Alternative an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg am 12. Januar 2017 zeigt Schüler und Luca Hart mit dem Die Rechte-Landesvorsitzenden Ingo Zimmermann16.

Florian Lenz (Agharta, Painful Life, IB MD), John Hoewer (AfD-Mitarbeiter) und Stefan Träger (AfD-Mitarbeiter) beim „Deutschland-Seminar“ der „Braunschweiger Burschenschaft Thuringia“ am 1. Juli 2017 | Foto: DokuRechts

Am 01. Juli 2017 besuchte Florian Lenz gemeinsam mit Stefan Träger und John Hoewer, dem Referenten für Inneres und Europa der AfD-Landtagsfraktion, das sogenannte Deutschland-Seminar der Braunschweiger Burschenschaft Thuringia, zu dem auch zahlreiche Aktive der JN Niedersachsen, darunter der Braunschweiger Nazischläger17 Lasse Richei, anreisten. Erst im Februar 2017 hatte die Thuringia zu einem „Zeitzeugenvortrag“ mit dem ehemaligen SS-Mann Klaus Grotjahn eingeladen 18. Bereits nachdem Hoewer im April mit Identitären und Neonazis aus Deutschland zum Kongress der faschistischen Casa Pound in Rom gereist war19, wurden im Landtag Stimmen laut, die forderten, ihn aus dem Innenausschuss auszuschließen20.

Florian Lenz (markiert) beim Neonazi-Trauermarsch am 12. Januar 2013 in Magdeburg | Foto: Presseservice Rathenow

Florian Lenz war spätestens seit 2009 Mitglied der JN Magdeburg. Fotos zeigen ihn beim Januar-„Trauermarsch“  2009 und den folgenden Jahren. Am 11. Juli 2017 versammelte er sich gemeinsam mit aus ganz Deutschland angereisten Identitären anlässlich einer antifaschistischen Demonstration vor dem Hausprojekt der Kontrakultur Halle.

Verbindung naheliegend

Die Verbindung von Rechtsrockszene und „Identitären“ ist bei genauerem Hinsehen wenig verwunderlich. Schon lange bevor die Identitäre Bewegung anfing, eine vermeintlich moderne Form faschistischer Ideologie zu verbreiten, hatte die NS-Hardcore-Szene erkannt, dass sich mit stumpfen Parolen und plakativer NS-Propaganda kaum noch junge Leute erreichen lassen. Folglich wurde versucht, eher links geprägte Musiksubkultur für die eigene Propaganda zu vereinnahmen und die eigenen politischen Forderungen in subtilerer Form einzubauen. Analog begann die IB zuvor von Linken entwickelte Aktionsformen zu übernehmen und ihre reaktionäre Propaganda jugendlich und poppig gestaltet zu verbreiten. Zwangsläufig überschneiden sich die Inhalte. Bei beiden findet sich beispielsweise der Mythos vom „Aussterben“ des eigenen Volkes und der nur scheinbar positive Europabegriff. Gemeinsam ist ihnen auch der elitäre Habitus und die verbale Abgrenzung zur „alten“ Neonaziszene, die faktisch nicht besteht.

Referenzen   [ + ]

1. https://rechtsaussen.berlin/2011/12/nur-eine-gang-von-vielen/
2. https://www.antifainfoblatt.de/artikel/blood-honour-%E2%80%93-kurzer-prozess-halle
3. https://dontcallitmusic.noblogs.org/post/2017/12/03/painful-life-ns-hardcore-vom-dorf/
4. Mittlerweile sind die Web- und Facebookseite verschwunden, der Youtube-Kanal wurde in „Patriot Media“ umbenannt.
5. https://exif-recherche.org/?p=1919
6. https://www.volksstimme.de/nachrichten/magdeburg/1293900_Polizei-verhindert-Konzert-von-Rechten-in-Magdeburg.html
7. Nach der sog. Tyr-Rune, die dem germanischen Himmels- und Kriegsgott Tyr zugeordnet ist
8. https://www.antifainfoblatt.de/artikel/neonazi-vernetzung-der-kampfsport-szene
9. http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2017/12/15/mehrtaegiges-neonazi-musikfestival-in-sachsen-angemeldet_25187
10. https://www.rollingstone.de/der-sound-der-neuen-rechten-1107335/
11. http://www.belltower.news/artikel/greifvogel-wear-11229
12. https://dontcallitmusic.noblogs.org/post/2017/12/02/dennis-denny-stober-von-der-skinhead-krake-zum-ns-hardcore-kid/
13. https://www.heise.de/tp/features/NSU-Kontext-Kooperierte-die-rechte-Band-Noie-Werte-mit-der-Polizei-3886854.html
14. https://infothek.wordpress.com/2010/06/20/19-juni-2010-merseburg/
15. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/attacke-von-bernburg-neun-neonazis-in-magdeburg-vor-gericht-a-954219.html
16. https://www.facebook.com/VakuumMagdeburg/videos/962675853863023/
17. http://antifacafebraunschweig.blogsport.eu/2016/11/18/nach-angriff-auf-schueler-der-no-prozess-gegen-nazischlaeger/
18. https://www.flickr.com/photos/dokurechts/sets/72157676383532633
19. https://lsa-rechtsaussen.net/zu-gast-bei-faschisten-konferenz/
20. https://www.mz-web.de/sachsen-anhalt/landespolitik/zugang-zu-sensiblen-daten-rechter-spitzel-im-ausschuss–27973754

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


*